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Ein Punkt sein

Zahler zocken – Könner kalkulieren / Stephan Kalhamer · 09.08.2026
Handschriftliche Skizze zweier Kurven (a und b) zur Veranschaulichung von Steigung und Krümmung

An sich steht ein Punkt für sich. Nimmt er sich wahr, so wird es wild. Wo kommt er her? Wo geht er hin? Auf welchem Level bewegt er sich? Und warum? Wird es besser oder schlechter? Im Relativen oder Absoluten? Immer schneller oder sich verlangsamend?

Verwirrt das alles? Wohin führen diese Zeilen? Vielleicht dahin, wie viel Macht wir eigentlich über die eigene Kurve haben – und wo diese Macht endet.

Klassische Schulanalysis genossen wir doch alle irgendwie. Der Punkt (1,2) liegt in der Ebene auf Höhe 1 bzgl. der waagrecht verlaufenden x-Achse und entsprechend bei 2 bzgl. der senkrechten y-Achse und ist damit eindeutig in der unendlichen Ebene, auf der man dann Graphen skizziert.

Für praktische Anwendungen lässt man waagrecht gern die Zeit und senkrecht etwa einen Geldbetrag laufen. Bekomme ich in Monat 1 2 Euro, so stellt das den Punkt (1,2) dar. Bekomme ich in Monat 2 wieder 2 Euro, so kann ich mit dem Punkt (2,2) diese Einnahme fixieren. Auch kann ich mit dem Punkt (2, 2+2) ein „Ansparen“ beider Zwickel aus beiden Monaten formulieren (2,4).

Und schwupps kann ich sowohl ein konstantes Einkommen als auch ein lineares Wachstum meines Vermögens (ceteris paribus) prognostizieren: Was glaube ich, dass ich wohl in Monat 7 bekommen werde? Na, halt auch wieder 2 Euro, warum denn nicht? Und was hätte sich bis dahin angespart? 14 Euro. Solches kann ich sowohl rechnen als auch zeichnen…

Langsam sieht man vielleicht die Parallelen zu den eingangs formulierten „existentiellen“ Fragen: was wir selbst gestalten können, und was uns einfach zufällt. Jeder Punkt an sich ist gleich, einfach ein Punkt. Erst die Bewertung seiner Koordinaten bzw. die Einordnung seines „Status“ in seinem Umfeld „machen etwas mit ihm“. Er wird sicher ein glücklicherer Punkt sein, wenn er „hoch im Kurs steht“. Wenn es „aufwärts“ mit ihm geht (positive Steigung), wenn es sogar stets steiler bergan rennt, er also immer flotter, immer mehr dazugewinnt (positive Krümmung, linksdrehend, konvex).

Vielleicht aber dreht sich die sonnige Gemütslage bereits, wenn plötzlich weniger dazukommt? Macht eine Firma im ersten Jahr 1 Mio Gewinn, im zweiten 2 Mio und im dritten 3 Mio, so ist das mehr als wunderbar. Allerdings hatte man im Jahr 2 noch 100 % Gewinnsteigerung und im 3. Jahr „nur noch die Hälfte“! Krise? 😉 Worauf ich hier hinaus will, ist der Unterschied relativen bzw. absoluten Betrachtens von Entwicklungen. Absolut steigert sich die Firma jährlich konstant um eine weitere gewonnene Million. Relativ, also z. B. für Umsatzrenditen relevant, ist der Sprung von 1 auf 2 Mio krasser als der von 2 auf 3…

Und dann gibt es da ja noch die anderen! Macht so eine Millionen-Firma eine etablierte Enterprise etwa „nass“, welche ihren Gewinn von ner Milliarde im Jahr gar nicht mehr zu steigern vermag? Oder vielleicht mal um schlappe 2 %? (Was dann 20 Mio on Top wären, btw. …)

Und die ganz anderen: Wie viele haben mit Millionen oder gar Milliarden(gewinnen) rein gar nichts am Hut?!

Ich als Punkt war schon immer dankbar, dass mir meine Koordinaten sehr, sehr glücklich geschenkt wurden, und täglich versuche ich, diesem Geschenk verantwortlich zu begegnen. Jede meiner Entscheidungen soll eher zum Besseren führen als zum Schlechteren. Sie soll eher Beschleunigendes als Abbremsendes bewirken, und nie will ich (auch nicht in ergebnistechnischen Abschwüngen) vergessen, rauszuzoomen und das schöne geschenkte Level anzuerkennen, in dem ich leben darf, weil ich so clever war, 1976 in Regensburg geboren zu werden. Was ne Leistung. 😉

Im Kern habe ich hier versucht darzulegen, wie Zahlenmodelle verschiedene emotionale Betrachtungen ein und desselben objektiven Zustands ermöglichen. Wie fließend Positives und Negatives ineinander übergehen können. Dass es zentral ist, sich jeden Tag ehrlich anzustrengen, dass es aber auch Dinge gibt, für die man weder im Wohl noch im Wehe etwas kann.

Ich spreche also von Macht und Grenzen guter Entscheidungen.

Mir gibt es viel Freiheit und Freude, dass ich viel verantworten darf, aber letztlich auch immer ein Stück weit ohnmächtig bin. Ein Punkt eben.